
Die „Odesaer Sprache“ ist einer der beständigsten Mythen unserer Stadt. Denn tatsächlich gibt es bei den Einwohnern von Odesa keine eigene, separate Sprache! Es gibt die russische Sprache, angereichert mit einzigartigen Wörtern aus den unterschiedlichsten Weltsprachen, die nur für Odesa typisch sind, sowie mit Redewendungen und Bedeutungsnuancen, die für Besucher manchmal schlicht unverständlich bleiben. Genau daran erkennen gebürtige Einwohner von Odesa einander.
Doch es reicht nicht aus, diese Wörter und Ausdrücke zu lernen und sie passend einzusetzen – man braucht außerdem genau jene unverwechselbare Intonation und Mimik, die nur bei echten Einwohnern von Odesa natürlich wirkt. In jedem anderen Fall erscheint dies übertrieben theatralisch oder komisch. Dennoch wird ein höflicher Einwohner von Odesa immer den Wunsch eines Gastes der Stadt zu schätzen wissen, „auf Odesa-Art“ zu sprechen. Natürlich könnte ein Odesaer dabei denken: „Was für ein Schlemihl …“, dabei jedoch weiterhin äußerst höflich lächeln.
Odesa ist ein großer Hafen- und Handelsstandort, an dem sich seit jeher die Wege von Menschen unterschiedlichster Herkunft und gesellschaftlicher Schichten kreuzten. Jede dieser Gruppen hinterließ ihren eigenen Beitrag im Wortschatz der Stadtbewohner. Odesa war schon immer eine multinationale Stadt, und auch heute leben hier mehr als hundert verschiedene Nationalitäten, von denen jede etwas Eigenes in den lokalen Sprachgebrauch einbringt. Dieser verändert sich allmählich: Manche sprachlichen Wendungen werden archaisch, verschwinden und geraten in Vergessenheit, während neuer Slang an ihre Stelle tritt. Doch die farbenprächtigsten Ausdrücke sind bis heute lebendig geblieben, und wir werden Ihnen nun helfen, die Einwohner von Odesa besser zu verstehen. Wenn Sie möchten, können Sie sogar selbst versuchen, „auf Odesa-Art“ zu sprechen – denken Sie dabei jedoch an unseren obigen Hinweis.
Es sollte außerdem erwähnt werden, dass seit Beginn der russischen Aggression immer mehr Einwohner von Odesa ausschließlich Ukrainisch sprechen möchten, da sie nichts mit den russischen Besatzern gemeinsam haben wollen, die Ukrainer töten, Wohnhäuser, Krankenhäuser, Kindergärten und Schulen zerstören sowie die Infrastruktur der Stadt vernichten. Vielleicht erleben wir gerade in diesem Moment die Entstehung einer neuen „Odesaer Sprache“ …